Rügen rund, Peenestrom und Achterwasser,
Erinnerungen an den Segelsommer 2001

von

Wolfgang Giere

 Motto:
Herr: es ist Zeit,
der Sommer war sehr groß ...

Rilke

Eben fliegt vor meinem Fenster ein Fischreiher das Tal hinauf zu den Teichen. Die haben wir zwar in Vorpommern selten gesehen (dafür viele Kormorane, Enten, Gänse, Schwäne ...), aber er erinnert mich an das Wasser ... wunderschön war es, fast nur Sonne und nun ist es plötzlich Herbst. Es fällt besonders auch angesichts der jüngsten Ereignisse, der Attentate in den USA und der Planungen für Vergeltungsschläge, sehr schwer, sich in die schönen Ferien zurückzuversetzen. Wie gut, dass es das ausführliche Logbuch gibt: Rechts nautische Details, links das Drum und Dran. Beides erfüllt:

Wunderschönes Wetter! Nur drei mal mussten wir in der Kajüte frühstücken, alle restlichen 22 Morgen saßen wir in der Plicht. Und es war ein spannender Törn. Letztes Jahr hatten wir die inneren Gewässer von Rügen kennengelernt und waren um die Insel Hiddensee geschippert --- trotz Knieverletzung ging das einigermaßen. Dieses Mal sollte es nach Osten gehen bis in die Nähe der polnischen Grenze. Aber die Ziegelgrabenbrücke in Stralsund, die Straßen- und Zugverbindung nach Rügen, war havariert (erst vor neuen Jahren repariert --- jetzt klemmte die Hydraulik). Statt fünf mal täglich öffnete sie nur zwei mal wöchentlich und das nachts, damit Sonnenerwärmung vermieden werden konnte. Deshalb beschlossen wir, um Rügen 'rum zu segeln. Ohnehin war mein Wunsch schon immer, einmal das Kap Arcona von außen zu sehen. Nach drei Eingewöhnungs-, Vorbereitungs- und Arbeitstagen segelten wir los: Stationen Vitte (Hiddensee), Glowe (an der Schabe in Rügen, ganz neue Marina), Saßnitz, Thiessow und Seedorf. Die langen Segelschläge waren herrlich, das Kap und die Kreidefelsen des Königstuhls, der Wissoer Klinken usw. leuchteten bei wundervollem Wetter. Aber ganz problemlos war die Tour denn doch nicht, ich muss es leider gestehen: Von Glowe nach Saßnitz geht es immer an der Steilküste entlang erst nach Osten, dann nach Süden. Da habe ich auf GPS verzichtet. Als wir um die Ecke liefen, kam ein erster Ort in Sicht. Elke meinte, in der Karte stünde "sowieso-Ort". Wir segelten gemütlich dran entlang, entzifferten per Fernglas Hotelnamen und "maritimes Museum" und liefen weiter gen Süden, auf moderne Anlagen zu. Da wurde ich misstrauisch und befragte mein GPS: Es wies für Saßnitz nach hinten. Das war bereits Saßnitz gewesen, "sowieso-Ort" war gar keiner ... zurück und in den Hafen. Dort war es sehr unruhig von der Berufsschifffahrt. Am nächsten Morgen pfiff der Wind in den Wanten. Wir mussten genau gegenan. Wir beschlossen, zu motoren bis zur Südostspitze (Nordperd). Ich wollte nicht zuwarten, weil der Seewetterbericht mehr Wind vorhergesagt hatte und wir mit dem kleinen Boot in Saßnitz gefangen gewesen wären. So motorten wir, setzten später Segel und liefen um das Südperd rum in den Greifswalder Bodden nach Thiessow. Zwar ist der Hafen schon neu, aber in sanitären Angelegenheiten war man noch Gast bei den Fischern und lernte auf dem Wege Heringsfilettiermaschinen, Sortierbänder und andere Nirosta-Großmaschinen kennen. Deswegen liefen wir am nächsten Tage wieder aus und segelten in die übernächste Bucht --- fast ist man geneigt zu sagen Fjord, so wirkt die kammartig tief eingeschnittene Südküste des "Mönchsguts" --- nach Seedorf. Dort wetterten wir in ländlicher Idylle den ersten Sturm ab. So kamen wir zu ausgedehntem Landgang: Wir fuhren z.B. mit dem Kurbus zum Seebad Sellin, von dort mit dem "rasenden Roland", einem Schmalspur-Dampfzug (mit immerhin 10 Wagen!) zum südlichsten Bad in Rügen, Göhren, und zurück und genossen die Kuratmosphäre auf der berühmten Seebrücke von Sellin, die wir vorher von der Ostsee aus gesehen hatten. Für Elke gab es herrliche Spaziergänge ...

Mit kräftiger Brise ging es weiter Kurs Süd quer über den Greifswalder Bodden genau auf Peenemünde zu und dann in den Peenestrom. Wieder mal Wind von Osten: Segeln von seiner schönsten Seite. In Karlshagen auf Usedom legten wir an: Moderne Marina und alter Fischerhafen zugleich. Am nächsten Tage ging es weiter, bis zur Brücke bei Wolgast, Landverbindung nach Usedom, unter Motor, dann wieder unter Segeln bis ins geschützte Achterwasser nach Zinnowitz. Versenkte Schuten bilden die Hafenwände, wir lagen längsseits und sehr geschützt hinter hohen Bäumen. Auch hier windete es nachts wieder heftig, so dass wir am nächsten Tag zunächst mal abwarteten. (Bei mehr als Beaufort 6 ist es für Senioren mit kleinem Schiff im Hafen gemütlicher). Mittags schipperten wir los und hatten einen wundervollen Segeltörn erst hart am Wind, dann voll und bei und schließlich mit nachlassender Backstagsbrise und Motorunterstützung (Dreieck gesetzt!) nach Wolgast. Direkt hinter der Brücke war der schöne Werfthafen --- gähnend leer. Inzwischen war die Saison zu Ende.

Per Motor ging es am nächsten Tag gegen Wind, aber mit dem Strom wenige Seemeilen nach Kröslin. In dem ehemaligen Militärhafen, ein großes, geschütztes Becken gegenüber Peenemünde, hat eine Investorengruppe eine modernste Riesenmarina mit hervorragenden Services aller Art gebaut. Von hier aus haben wir die Gedenkstätte Peenemünde besichtigt --- per Fähre. (Wegen der Nachsaison fuhr die übrigens nicht mehr von Kröslin, sondern vom benachbarten, sehr urigen Fischereihafen Freest. Wir waren froh, auch den kennengelernt zu haben.) Die Wehrmachts- und NVA-Hinterlassenaschaft in Peenemünde lohnt unbedingt einen Besuch. Die Ausstellung bemüht sich, sachlich zu informieren über technische Höchstleistungen einerseits: Grundlage der Raumfahrt, andererseits über die Nazi-Hybris und Kriegsproduktionsbedingungen, die Grausamkeiten gegenüber Zivilbevölkerung und Fremdarbeitern. Es war dieses die zweite Besichtigung einer Hinterlassenschaft nationalsozialistischen Größenwahns: Die erste war der "Koloss von Prora" am Oststrand von Rügen, den wir vom Wasser und zu Lande ausführlich besichtigt haben: Eine atemberaubende, ungeheuerliche Bauhinterlassenschaft der "Kraft durch Freude"-Bewegung. (Auch der Besuch lohnt, übrigens auch der des nahegelegenen technischen Museums).

Leider ging es über den Greifswalder Bodden wieder Richtung Strelasund/Stralsund nicht so wie geplant: Zunächst liefen wir vor Peenemünde auf Grund (eindeutiger Navigationsfehler, der zweite!). Es dauerte anderthalb Stunden, bis wir uns aus dem Schiet befreien konnten. Die Zeit fehlte uns bei dem geplanten größeren Schlag nach Westen über den ganzen Bodden. Deswegen haben wir nur am Anfang gesegelt, dann aber bei nachlassendem Wind aufs Kreuzen verzichtet und sind schließlich (wieder mal) gegenan motort, zumal wir die Brückenöffnung am nächsten Abend erwischen wollten, denn die Windvorhersage drohte erneut mit Sturm. Deswegen haben wir auch auf einen Besuch in Greifswald verzichtet und die geschützten Gewässer des Strelasundes vorgezogen. Der ist übrigens dank der abwechslungsreichen Dünen- und Endmoränenlandschaft wunderschön und ein herrliches Segelrevier sowohl nördlich als auch südlich von Stralsund. Nach einer weiteren Übernachtung in Stahlbrode (neben der einzigen Rügenfähre), schipperten wir bei aufbrisendem Wind nach Stralsund. Dort machten wir vor der Brücke bei einem netten Segelclub fest, überprüften die Lampen für die Nachtfahrt und stärkten uns mit köstlichem Sild. Das Warten am Abend, warm eingepackt, und die Durchfahrt durch die Brücke nach 22 Uhr waren ein Erlebnis besonderer Art: "Wie Warten auf Silvester" meinte Elke. Um 22:30 Uhr legten wir wieder an der Nordmole an. Die Rundreise um Rügen war beendet.

Nach den vielen, wundervollen, teils sehr heißen Sommertagen folgten noch einige Herbsttage, darunter ein schöner Segeltag auf dem Strelasund (bis knapp vor Hiddensee), ein aufregender Kranich-Tag mit Besichtigung des Informationszentrums und Beobachtung einer beträchtlichen Ansammlung auf einem der abgeernteten Riesenfelder --- einige Hundert Kraniche, eine Schar Saatgänse und ein Riesenschwarm Kiebitze, die wir mit Bewusstsein zum ersten Mal gesehen hatten. Aber das Wetter war kalt und nass geworden, erstmals brauchten wir das Ölzeug. Ich musste an das schöne, oben zitierte Gedicht denken, das ja weiter geht: "Leg Deine Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren lass die Winde los!" Am Tag, als wir das Boot wieder auf den Trailer kranen wollten, blies es bis zur Windstärke 10...

Zum Kran waren es nicht mehr als eine halbe sm. Aber bei dem Sturm? Am Abend vorher hatte uns der freundliche Hafenmeister angeboten, beim Ablegen mit einer langen Leine zu helfen, bis wir genügend Ruderwirkung hätten Alle unsere Sachen hatten wir schon im Auto zur Werft gebracht, alles war vorbereitet, sogar die klitschnassen Segel hatten wir am Vorabend noch geborgen (nicht gerade einfach bei Sturm, aber es war letztlich problemlos). Nachts lagen wir beide wach, nicht nur weil es so pfiff und heulte. Ich deklinierte im Geiste alle Möglichkeiten des Festmachens bei Starkwind durch.... Jedoch: Kranen bei Starkwind geht nicht. Warten. Ein weiterer Tag, noch einmal der hervorragende Stralsund-Nordmole-Service: Brötchen und Zeitung an Bord gebracht, Frühstück bei einigen Sonnenstrahlen und dann bei wieder ruhigem Wetter zum Kran. Winterlager für Boot (weil es so schön ist und wir die westlichen Bodden noch nicht kennen, noch einmal in Stralsund), Heimfahrt für die Crew.

Vor und nach dem Törn Verwandtenbesuche, aber der Höhepunkt waren die dreieinhalb Wochen auf dem Wasser. Ein wundervolles Erlebnis. Knapp 200 sm sind wir zwischen Donnerstag, dem 16. August abends und Dienstag, dem 11. September morgens rund Rügen, durch Peenestrom und Achterwasser geschippert, davon fast die Hälfte unter Motor. 8 Tage waren "Ruhetage" mit Landgängen und Bordarbeiten, meist bedingt durch Starkwind. Und wir freuen uns auf das nächste Jahr.

Eine Bemerkung noch zu den Gehwerkzeugen des Skippers: Im letzen Jahr hatte ja ein "Fehltritt" so üble Folgen, dass ich Arcturus nicht mehr heimtrailern konnte, hinterher am Knie operiert wurde und trotzdem behindert blieb. (Deswegen war das Boot ja in Stralsund geblieben.) Elke, meine Admiralität, hatte echte Bedenken, ob ich in der Lage wäre, vor zum Mast zu turnen ... Aber es ging problemlos. (Aus Sicherheitsgründen war ich auf See ohne Ausnahme angeleint.). Trotzdem werde ich wohl ein bis zwei Ersatzkniee brauchen ...

Zum Schluss noch ein großes Dankeschön an alle, die geholfen haben, diesen Urlaub zum besonderes schönen Erlebnis zu machen. Nur wenige will ich besonders nennen: Den Hafenmeister Könenkamp in Stralsund/Nordmole (ihm habe ich zum Abschied den Stander des SCMsp vermacht, worüber er sich gefreut hat) und die Besatzung der Strahl-Werft, allen voran Herrn Mertes und Herrn Peter. Überall wurde uns freundlich geholfen, wir haben uns wohl gefühlt.

Taunusstein-Seitzenhahn

19./20. Oktober 2001

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