Törnbericht Côte dAzur und Korsika, Sommer 2000
Schiff: Aventure II (Sunbeam 27)
Crew: Helmut Wocker, Liliane Clermont-Wocker, Jill (6 Jahre), Bénédict (10)
Nach den letzten nervenaufreibenden Vorbereitungen am Schiff (das Ziehen eines Kabels durch den Mast für den Anschluss der Windmessanlage will einfach nicht klappen, wir schaffen es endlich nach gut 5 Stunden Arbeit) fahren wir am 09. Juli um 6.00 Uhr in Mainz ab und ziehen unsere Sunbeam mit einem Leih-Land Rover Discovery in Richtung auf unsere 2. Heimat, die Côte dAzur. Das Gespann läuft gut, das Boot auf dem Trailer erweist sich allerdings im Rhône-Tal, wo häufig der Mistral über die Autobahn fegt, als ziemlich windanfällig. Die Fahrt ist also doch recht anstrengend! Wir kommen in Hyères um 23.00 Uhr an, verbringen die Nacht an Bord auf dem Werftgelände und lassen das Boot am nächsten Morgen unter wertvoller Hilfeleistung des sehr routinierten Personals der Werft zu Wasser. Wir schaffen es gerade noch vor dem ersten Schauer, danach im Laufe des Nachmittags jagt ein kräftiges Gewitter das nächste. Die 2 darauffolgenden Tage verbringen wir im Hafen: immer wieder Starkwind-Meldungen, an der Capitainerie blinkt das Warnfeuer ununterbrochen, es herrschen Windstärken zwischen 6 und 8, in den Böen 9-10. Wir lernen Paul, Carol und David, 3 Franzosen auf einer Gib Sea namens Arc-en-ciel , kennen, die nach Korsika wollen und ebenfalls seit 3 Tagen festsitzen, und verbringen die Zeit mit Aufräumen, Einkaufen, kleineren Arbeiten an Bord und hin und wieder einem ausgedehnten Aperitif mit unseren neuen Bekannten.
| Endlich lockert die Bewölkung auf und wir segeln mit Arc-en-ciel bei Windstärke 2-3 in Richtung Osten. Wir steuern die schöne Bucht von Cabasson an, wo wir einen Strandtag einlegen wollen. Zwischendurch schläft der Wind fast völlig ein. | ![]() |
Als wir gerade die Bucht anlaufen, frischt er sehr rasch auf. Da die Bucht gänzlich ungeschützt ist, können wir nicht mehr ankern. Wir reffen das Groß, rollen das Vorsegel ein und nehmen Kurs auf Bormes. Unterwegs müssen wir sogar den 2. Reff nehmen. Die Windmessanlage zeigt bis 31,8 kn, wir erreichen 8,2 kn Fahrt! Die Wellen von achtern sind heftig, beide Kinder werden seekrank. Als wir den Hafen von Bormes erreichen, hören wir gerade über UKW, dass ein Schiff am Sinken ist. Am Abend entschädigt uns das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag etwas von den Strapazen des Tages. Am nächsten Tag, wieder Starkwind-Meldung! Na, langsam reichts! Wir sind aber nicht die einzigen, denen die Situation auf die Nerven geht: überall im Hafen macht sich nämlich bei den Seglern Unmut breit. Bormes ist übrigens für uns der Geheimtipp an der Côte dAzur: ein Dörfchen hoch gelegen am Hang der Maures (kl. Bergmassiv mit großen Korkeichen- und Kastanienwäldern) mit steilen, engen Gässchen und Blick auf die Bucht bzw. in der Ferne auf die sog. Iles dOr, die goldenen Inseln, extrem vielen Blumen und mediterranen Gewächsen, einer Burgruine, einem schönen Marktplatz, auf dem täglich Boules gespielt wird, und schließlich einer gemütlichen Atmosphäre, für uns der Inbegriff des kleinen provenzalischen Dorfes. Es gibt viele schöne Dörfer an der Côte dAzur (z. B. Ramatuelle, Gassin, St Tropez, Grimaud), keines gefällt uns jedoch besser als Bormes. Wir freuen uns jedes Mal vor allem auf ein "aioli", ein typisch provenzalisches Gericht, das uns nirgendwo besser geschmeckt hat wie im Restaurant Les Platanes in Bormes (nur freitags mittags zu bekommen).
Am nächsten Morgen scheint das Wetter sich beruhigt zu haben. Wir segeln um die Mittagszeit nach Port-Cros, einer wunderschönen Insel ca. 7 sm von Bormes entfernt, und werfen dort in der Bucht von Port-Man den Anker. Der Wetterbericht hört sich optimistisch an, Paul und seine Crew wollen am nächsten Tag die Fahrt nach Korsika unternehmen. Wir grübeln, ob wir mitmachen... Die Wellen sind nämlich von den letzten Starkwind-Tagen noch recht hoch (schätzungsweise 2-2,5 m). Wir stehen mit Paul um 6.00 Uhr auf noch unwissend, ob wir es wagen sollten oder nicht... Wir entschließen uns kurzfristig und lassen um 7.00 die Leinen los. Das Wetter ist schön, die Sicht sehr klar, jedoch die unruhige See macht uns zu schaffen (ausgerechnet segeln wir auch auf Vorwindkurs...). Helmut wird zwischendurch kreideweiß, unsere Jill muss wieder die Fische füttern.. Die Überfahrt beträgt 110 sm - immerhin rund 200 km - , wir schaffen es in 25 Stunden und laufen in Calvi um 8.00 Uhr ein. Immer wieder spielen Delphine mit dem Schiff und begleiten uns eine Weile. Die Nachtfahrt verläuft ruhig bei Vollmond und absolut klarer Sicht. Es ist allerdings in der Nacht sehr kalt, wir sitzen im Cockpit mit dicken Pullis, Regenjacken und Mützen (für uns sehr ungewöhnlich an der französischen Côte dAzur!!). Lange bevor wir das Leuchtfeuer La Revellata bei Calvi erblicken, sehen wir schon schimmerhaft die Berge Korsikas. Und als wir müde und abgespannt die Bucht von Calvi anlaufen, kreuzt ein riesiger Delphin-Schwarm unsere Route (wir schätzen sie auf 80-100 Tiere). Wir werden wieder hellwach und genießen den Anblick der kleinen Tümmler, die Luftsprünge machen und uns ihren weißen Bauch zeigen, indem sie sich in der Luft drehen und sich auf den Rücken aufs Wassen platschen lassen. Wir gehen in der Bucht von Calvi vor Anker und verschlafen einen großen Teil des Tages. Am nächsten Morgen frischt der Wind erneut auf auch wieder innerhalb von kurzer Zeit , wir verlassen den Ankerplatz, um im Hafen Schutz zu suchen. Allerdings ist dieser komplett belegt. Kein einziges kleines Liegeplätzchen für uns? Wir versuchen zu verhandeln, erwähnen das ungeschriebene Prinzip, dass bei Großwetter kein Boot aus dem Hafen ausgewiesen werden kann, werden jedoch sehr unfreundlich zurückgewiesen. Wir sind empört, als wir erfahren, dass selbst ein kurz vor uns eingelaufenes Schiff mit Motorschaden nicht bleiben darf. Die Gemüter erregen sich, zwischen Paul und dem Hafenmeister kommt es beinahe zu Handgreiflichkeiten. Dabei machen wir die Erfahrung, dass die Korsen so ganz nett sind, in der Tat aber einen sehr eigenwilligen Charakter besitzen...Wir machen schließlich an einer der vielen Bojen in der Bucht fest und erkunden zunächst das Städtchen Calvi mit ihrer Zitadelle und ihren kleinen, sehr belebten Gässchen. Calvi ist eine Hochburg der französischen Fremdenlegion, auf Schritt und Tritt begegnet man den Legionären mit ihren weißen Schirmmützen. Erst am übernächsten Tag trauen wir uns aus der Bucht und wollen auf die Empfehlung von Paul hin die Westküste der Insel in Richtung Süden entdecken.
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Sie erweist sich tatsächlich als wunderschön: steile Felsen teils grau, teils gelb, stellenweise auch leuchtend rot , die abrupt ins Meer fallen, idyllische kleine Buchten mit glasklarem Wasser, eine tolle Unterwasserfauna bzw. flora. |
Besonders sehenswert ist dabei das Naturschutzgebiet (sowohl an Land als auch unter Wasser) von Scandola mit der winzig kleinen Bucht von Elbo (das Ankern ist nur am Tag erlaubt), ihren roten Felsen und ihrem alten Wachturm. Etwas erstaunt uns immer wieder: wir sind kaum 15-20m von den Steilfelsen entfernt und schon haben wir laut Echolot über 100m Wassertiefe unterm Kiel! Wir verbringen 2 Nächte in der Bucht von Girolata, der zwischen Calvi und Ajaccio einzigen von allen Seiten gut geschützten Bucht, die allerdings im Sommer immer recht voll ist. Kurz vor Ajaccio kehren wir um, die Zeit reicht nicht mehr, um weiter nach Süden zu segeln. Wir haben kaum in Calvi wieder festgemacht, als Starkwind noch einmal aufkommt. Und wieder müssen wir 2 Tage warten... Ist vielleicht doch an der sogenannten Klimaveränderung etwas Wahres dran? Wir waren bis vor 2-3 Jahren ganz andere Klimaverhältnisse im französischen Mittelmeergebiet gewohnt, solche heftige Starkwindperioden (vor allem mit Winden aus unterschiedlichen Richtungen) waren ziemlich selten. Mal wehte der Mistral konstant aus West bis Nord-West 2-3 Tage lang, danach konnte man aber mit mindestens 14 Tage Hitze und (fast) Windstille rechnen. Recht häufig gab es am Abend ein kräftiges Gewitter, diese Gewitter erlebten wir wiederum in den letzten Jahren nur noch selten. Und die Tagestemperaturen, die früher im Juli und August selten unter 32°-33° betrugen, sind heutzutage deutlich niedriger.
Als am Abend des 2. Tages der Wind abflaut und für die Nacht Windstärke 3-4 vorausgesagt wird, nutzen wir die Gelegenheit und segeln los in Richtung auf San Remo. Die Nacht ist ruhig, allerdings ist sie so dunkel, dass wir den Horizont, also die Trennlinie zwischen Wasser und Himmel, die meistens noch in der Dunkelheit zu erkennen ist, nicht mehr wahrnehmen können. Und als der Tag einbricht, kommt ein so dicker Nebel auf, das wir schon Angstgefühle bekommen. Selbst eine stockfinstere Nacht ist nicht so beängstigend wie dichter Nebel, bei dem man kaum 10m vor dem Bug sieht. Na, hoffentlich sind wir mit unserer Nuss-Schale auf den Radaren der großen Schiffe (hauptsächlich Fähren, aber auch Frachtschiffe, Tanker, Marineschiffe, usw.), die sehr viel in dieser Gegend kreuzen, klar zu sehen... Erst nach 2 langen Stunden lockert der Nebel auf. Große Thunfische springen auf der Jagd nach kleineren Fischen aus dem Wasser, wir können sie wunderbar beobachten. Als wir in Sicht der Küste kommen, ändern wir unsere Route nach Westen und nehmen Kurs auf Menton. Wir erblicken bald die dichte Bebauung von Monaco, die von See aus wirklich hässlich wirkt, und laufen kurz vor 13 Uhr in Menton (grenzt eigentlich östlich an Monaco) ein. Menton ist eine sehr gepflegte Stadt mit vielen Grünanlagen, Palmen, exotischen Gewächsen wie Granatapfelbäumen, Zitronen- u. Orangenbäumen, usw. Die Rücken- und Beinschmerzen, die mich seit 2 Wochen plagen, haben stark zugenommen, ich muss am nächsten Morgen zum Arzt. Dieser diagnostiziert eine Ischialgie und gibt mir schmerz- und entzündungshemmende Medikamente auf den Weg. Wir verbringen den Tag in Menton und legen erst am nächsten Morgen wieder ab. Geplant ist ein Tag in Monaco, wir wollen die so berühmte Stadt der Schönen und Reichen besichtigen. Als wir jedoch im Hafen von Fontvieille ankommen, halte ich die Schmerzen nicht mehr aus: wir bestellen ein Taxi und fahren ins Krankenhaus Princesse Grace, in dem für mich der Urlaub endet. Es stellt sich nach einer Scanner-Untersuchung heraus, dass ich einen eindeutigen Bandscheibenvorfall habe, der wahrscheinlich operiert werden muss.
L. Clermont-Wocker
Für uns (Helmut und die Kinder) muss der Segeltörn allerdings weitergehen, wir müssen zurück nach Hyères segeln, wo Auto und Trailer auf uns warten. Wir halten per Telefon den Kontakt mit Liliane im Krankenhaus, die dort auf einen Rücktransport nach Deutschland per Flugzeug wartet. Im Hafen von Monaco sehen wir unseren ersten Fünfmaster, der gerade von der schwedischen Königin getauft wurde. Das Schiff ist in der Tat imposant! Der Hafen von Fontvieille ist für einen Bootsfahrer ein Erlebnis: das Hafenbecken liegt unterhalb des Grimaldi-Palastes an einer steilen Felswand, die mit Kakteen bewachsen ist. Dieser Ortsteil von Monaco ist sehenswert mit seinen vielen Museen, Parks und Wasserfällen. Es wirkt trotz der Bebauungsdichte überhaupt nicht wie eine Großstadt. Wir segeln an Cannes und Nizza vorbei und nach einigen Badeunterbrechungen in wunderschönen Buchten erreichen wir Antibes. Der Hafen ist voll belegt, mit der Hilfe von Bénédict als Dolmetscher bekommen wir jedoch einen Liegeplatz zwischen zwei großen Motoryachten zugewiesen. Die Altstadt von Antibes bietet vieles für das Nachtleben an, der Hafen wurde um ein weiteres Becken für Megayachten erweitert, in dem man die tollsten Schiffe bewundern kann. Der nächste Übernachtungspunkt ist Port-Grimaud in der Bucht von St.Tropez.
Am dritten Tag, beim Verlassen der Bucht in Richtung Westen werden wir von einer großen Motoryacht in voller Fahrt mit geringem Abstand überholt. Unser Schiff wird von ihrer Heckwelle komplett überspült! Alle Flüche der Welt schreie ich ihr nach... Als plötzlich dicker Qualm aus der Yacht austritt, kann ich meine Schadensfreude kaum zügeln... Solche Erlebnisse sind in der Nähe von "St Trop" nicht selten... Am frühen Abend erreichen wir Hyères, Ausgangspunkt des diesjährigen Törns. Während ich das Boot zum Kranen vorbereite, fällt klangheimlich unsere Jill, die eigentlich nicht schwimmen kann, ohne Schwimmweste (normalerweise immer mit!) ins Hafenbecken. Als sie wie ein begossener Puddel mit nur einem Schuh uns entgegenkommt und das Geschehen schildert, können wir ihrem Schutzengel nur danken... Wir haben 466 sm zurückgelegt und vieles erlebt, auch wenn die Crew am Ziel unvollständig ist.
Helmut Wocker