Seemannschaft und Manneszucht
Traditionen sind es wert, gepflegt zu werden. Eine dieser Traditionen besteht darin, einmal im Jahr einen einwöchigen Männertörn in Holland – genauer Friesland – zu unternehmen. Dieses Ereignis hat mittlerweile diverse Ehefrauen und Freundinnen kommen und gehen gesehen und sich damit über die Jahre als äußerst stabil erwiesen. Wenn auch im Laufe der Zeit die Crews in wechselnden Zusammensetzungen zustande gekommen sind, ist doch der „harte Kern“ erhalten geblieben. Dieses Jahr ist der Stamm, bestehend aus Sebastian Clar, Peter Kraemer, Klaus Lange und mir, um den Club-Kameraden Elmar Döhler erweitert worden, in der Hoffnung, ihn zukünftig auch zum Kern zählen zu können.
Nachdem uns die Törns der letzten Jahre auf Watten- und Nordsee geführt haben, wollten wir dieses Jahr wieder zurück zu den Wurzeln unserer geliebten Tradition: Eine Kanal-Tour auf der Friesischen Seenplatte. So fanden wir uns am 2. September aus den verschiedensten Himmelsrichtungen kommend (Essen, Hamburg, Kriftel und Mainz) bei Cobie und Klaas Hospes – unseren langjährigen Vercharterern – in Sneek ein. Ursprünglich waren bei Klaas zwei Boote bestellt, von denen eines ein in den 30er Jahren gebautes Teakholz-Schiff, Badjak mit Namen, sein sollte. Leider ist er mit den an der Badjak nötigen Renovierungs-Arbeiten nicht rechtzeitig fertig geworden, sodass wir statt ihrer mit einer Dehler 22, der „´s Wonderful“, Vorlieb nehmen mussten. Als zweites Boot übernahmen wir die nach Klaas Schwiegermutter benannte „Afke“, eine Victoire 22.
Die „Afke“ war dieses Jahr in einem eher erbärmlichen Zustand. Insbesondere, dass sich das Vorstag nicht ordentlich durchsetzen ließ, stellte sich bei den dieses Jahr vorherrschenden Amwindkursen als echter Nachteil heraus; sie lief deutlich weniger Höhe als die „´s Wonderful“. Verglichen mit diesen segeltechnischen Einschränkungen stellte sich die nicht vorhandene Kochstelle auf der Dehler lediglich als Komfort-Einbuße dar. Bei ihr war eine Gasflasche mit aufschraubbarem Kochgeschirr an Bord, was bei Regen den Kochgenuss stark eingeschränkt hätte. Ihre Segeleigenschaften konnten dagegen die Crew voll und ganz überzeugen.
Nach Einkauf, erster Nahrungsaufnahme und Verstauen von Gepäck und Nahrungsmitteln ging es aufgrund des eher lauen Windes unter Motor in Richtung Sneekermeer mit dem Ziel, unseren Lieblingsanleger am Eingang zum „Noorderoudeweg“ zu erreichen. Leider haben sich die Vorzüge dieses Anlegers auch bei anderen rumgesprochen, und wir mussten mit einem Anleger im „Noorderoudeweg“ Vorlieb nehmen. Aufgrund des eher opulenten Mittagsmahls beschränkte sich das Abendessen auf belegte Brote. Auch wurde Kriegsrat gehalten, auf dem wir beschlossen, dieses Jahr durch den Prinzenhof – ein wunderschönes Naturschutz-Gebiet südlich von Groningen – zu segeln.
Der nächste Morgen bescherte uns Wind von 3 Beaufort aus Nord-West – natürlich die Himmelsrichtung, in die wir wollten! So bot sich Peter nach Jahren „passivem“ Mitsegelns – Lee- Fockschoter – endlich die Möglichkeit, intensiv das Kreuzen auf der Afke zu praktizieren. Anfangs mit wenig Höhengewinn, aber mit der Zeit bekam er den Bogen raus und die „´s Wonderful“ konnte lediglich einen Vorsprung von einer knappen halben Stunde nach Akkrum heraussegeln.
In Akkrum wurde Segelkamerad Elmar nach überwindbaren Schwierigkeiten – in der Innenstadt fand das hollandweit bekannte friesische Shanty-Singen statt – vom Bahnhof abgeholt. Nach kurzer Unterweisung in die Gegebenheiten der beiden Schiffe und Trinken des Begrüßungs- Grolschs konnten wir unseren Weg dem „Bijrstumerrak“ folgend fortsetzen. Auch hier bot sich wieder die Möglichkeit, die Boote durch extensives Kreuzen ausgiebig kennen und lieben zu lernen.
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Gegen Abend ließ uns der Wind langsam im Stich und so wurde am Eingang der „Wijde of Peaster“ das Manöver „Frei- Staken-nach-Festfahren“ aus der Theorie in die Praxis überführt. Auf diesem Gewässer musste leider dem Wochenende mit seinem schönen Wetter Tribut gezollt werden, weil lange nach einem geeigneten Anleger für zwei 22 Füßer gesucht werden musste. Der Abend klang mit Rotwein unter Spaghetti- Bolognese-Begleitung stilvoll aus. |
Der Sonntagmorgen bescherte uns Wind von 4-5 aus West, sodass wir unser Lieblings-Manöver Wende auf Kreuz nachhaltig trainieren konnten. Durch das „krommen Ee“ gelangten wir in das „Wijde Ee“, wo wir uns mitten in einer Traditions-Schiffs-Regatta wiederfanden. Guten friesischen Traditionen folgend, kamen wir kurz nach 12 Uhr vor der Brücke über den „Hooidansloot“ an, so dass uns eine geschlagene Stunde blieb, die verschiedenen Tjalken in Augenschein zu nehmen. Unter Aufbietung aller moralischen Kräfte gelang es auch, der Versuchung zu widerstehen, die Ziellinie der Regatta zu durchfahren.
Ab ein Uhr – die Brückendurchfahrt gestaltete sich gewohnt unterhaltsam, weil wie jedes Mal einige Chaoten, aus welchen Gründen auch immer, der Meinung waren, sie müssten als erste durch die Brücke – konnte die Besegelung des Prinzenhofs in Angriff genommen werden. Dort sichteten wir erstaunlich viele Rijkspolitie-Boote, die wahrscheinlich eingedenk des guten Wetters hofften, vielen Sportbootfahrern die unter Schweiß und Tränen erworbenen Fahrerlaubnisse aufgrund von illegal erhöhtem Alkohol-Konsum wieder zu entziehen.
Der bis dato praktizierten vielen Wenden überdrüssig, nutzte Elmar die Gelegenheit der Raumschot- Kurse zur Durchführung alternativer Manöver und verdiente sich den Ehrentitel „Halsen- König vom Prinzenhof“. Besondere Erwähnung verdient hier die „Q-Halse“! Da uns der Rest des Tages achterlichen bis halben Wind bescherte, entschieden wir uns trotz der fortgeschrittenen Tageszeit, den Tag im Akkrumer Jachthaven abzuschließen. Angesichts der späten Uhrzeit beschlossen wir, diesen Abend ein Restaurant aufzusuchen. Eingekehrt sind wir in eine Chinesische Lokalität, die einen Garten direkt an einem Kanal besaß. Trotz der aufziehenden Kälte genossen wir dieses schöne Fleckchen, um dort opulent zu speisen. Wieder an Bord gab es noch den zur Bekämpfung der Kälte notwendigen Kojen-Absacker.
Der nächste Morgen bestätigte unsere Entscheidung, nach Akkrum zu segeln, denn der Wind hatte über Nacht auf Süd-West mit 4 Beaufort gedreht, was als Konsequenz wieder Kreuzen bedeutet hätte. So nutzten wir erst mal die Gelegenheit, in Akkrum unsere Proviantierung aufzubessern; auch die Tabak-Waren waren auf ein bedenkliches Maß reduziert und mussten aufgefüllt werden! Nach Ergänzung der Trinkwasser-Vorräte segelten wir gegen Mittag bei herrlichstem Wetter über die „Terkaplester Poelen“ und das Sneeker Meer in den „Noorderoudeweg“ mit Ziel Langweer. Da der Wind bei gleich bleibender Stärke auf Süd drehte, war es wieder Zeit für unser lieb gewonnenes Manöver Kreuzen.
| Der „Nooderoudeweg“ konfrontierte uns wieder mit die größten Gefahr für Segelboote auf der Kreuz: Maschinen-Fahrzeuge, deren Besatzung kein Gefühl für die besonderen Belange der Manöver von Segelschiffen und insbesondere der Ausweichregeln der Fahrzeuge untereinander haben. Die „´s Wonderful“ geriet in eine Situation mit viel Verkehr und hatte durch die verstellten Ausweichmöglichkeiten nur die Alternative, entweder in einen Anleger mit ungefähr 10 Poly-Valken zu fahren oder ein Manöver zu segeln, bei dem die Möglichkeit der Gefahr einer Kollision mit einem Segelfahrzeug unter Motor bestand. Leider entwickelte sich die Möglichkeit zur traurigen Realität, wobei glücklicherweise sehr wenig Schaden – ein paar Lackkratzer und eine verbogene Relingstütze – entstand. Die besondere Tragik dieses Vorfalls lag in der Tatsache begründet, dass durch unsachgemäße Manöver von Motor-Booten zwei Segelschiffe kollodierten. | ![]() |
Natürlich wurde sofort der nächste Anleger im „Noorderoudeweg“ aufgesucht, um die Details der Schadensregulierung zu besprechen. Erschwerend kam hinzu, dass es sich bei der Besatzung des Kollisionsgegners um ein älteres friesisches Ehepaar handelte, das außer Niederländisch – die Muttersprache sei Friesisch – keine weitere Fremdsprache beherrschte. Mit Ausnahme der Sprachbarriere erwies sich das Gespräch „met een kopje koffee“ als ausgesprochen anregend. Im Anschluss der Ereignis-Abwicklung fielen dann die denkwürdigen Worte: „ein Schiff ohne Mast ist wie ein Mann ohne Zensur“. Dieser ereignisreiche Tag wurde mit chinesischem „Schwein süß-sauer“ und erheblichen Mengen Rotweins beschlossen.
Der Dienstag bescherte uns völlige Flaute, sodass wir unter Motor die kurze Strecke zum Langweerer Jachthaven fuhren und uns dort einen gemütlichen Tag gönnten. Dort konnte auch in einem metallverarbeitenden Betrieb die Relingstütze wieder gerichtet werden. Am frühen Nachmittag wurde uns noch ein einmaliges Schauspiel geboten: Eine Armada von vielleicht 15 bis 20 Motorbooten fiel in den Hafen ein und zeigte uns die vielfältigsten Varianten von Anleger unter Motor. Wir zogen es vor, uns an Lapskaus gütlich zu halten und genossen den schönen Sonnenuntergang.
Neuer Morgen, neues Glück; 3-4 Beaufort aus Süd-Ost! Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und liefen gegen 11 Uhr zunächst in den „Scharster- of Nieuve Rijn“. Beeindruckend ist jedes Mal auf´s neue, wie der Verkehr auf der Autobahn angehalten wird, damit Sportboote die Autobahn-Brücke nach Scharsterbrug passieren können. Kurz nach dieser Brücke ging es wieder auf Kreuz, wobei sich die „Afke“ mehrmals im Schlamm des schlecht ausgebaggerten Kanals festfuhr. Bei einem dieser Grundberührungen verlor das Ruder seine Beweglichkeit, sodass das Schiff mit dem beweglichen Aussenbord-Motor am Kanal-Rand angelegt werden musste. Als Ursache konnte ein Ast ausgemacht werden, der sich zwischen Ruderblatt und Rumpf verfangen hatte. Dieses Malheur wurde schnell beseitigt, um den Preis einer Badeeinlage eines Crewmitglieds in dem relativ warmen, aber sehr schlammigen Wasser. Zum Trost gab es Bessenjenever in Vanille-Vla und die Welt sah danach gleich viel rosiger aus.
Mit wieder funktionsfähigem Ruder flogen die beiden Boote nur so über das Tjeukemeer und wir beschlossen aufgrund des sich abzeichnenden Halbwindkurses, noch durch das „Follega Sloot“ nach Sloten zu segeln, wo die warme Dusche nach dem schlammigen und kalten, unfreiwilligen Bad als wahre Verführung wartete. Wieder sauber zelebrierten wir in einer Kochorgie die Zubereitung des Martini-Huhns. Bei seiner Vertilgung wurden die noch verbleibenden Rotwein- Bestände ebenfalls ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt.
Der Donnerstag präsentierte sich von seiner schönsten Seite: herrlichster Sonneschein mit Wind um 5 Beaufort aus Süd, der im Laufe des Tages leider auf Ost drehte. Nach einer kurzen Besichtigung von Sloten unter Verabreichung von „Appelgebak met Koffie en Slagroom“, setzten wir unsere Reise gegen Mittag bei Raumschot-Kurs nur unter Fock fort. Über das Sloter Meer, durch Woudsend und „Noorderoudeweg“ segelten wir wieder in das Sneeker Meer, diesmal an unserem Liebliengsanleger festmachend. Zwar tauchten nach intensiver Durchmusterung der Boote noch diverse Bierflaschen auf, doch Gefangene wurden keine gemacht. So wurde das letzte Mal an Bord „Schweinefleisch in Calva-Sauce“ zelebriert, wobei auch schon die ersten Taschen gepackt wurden.
Der Freitagmorgen war passend zu unserer Stimmung eingedenk der nahen Heimreise trist und nahezu windstill. So fuhren wir nach kurzem Frühstück unter Motor zurück zu Cobie und Klaas, um an deren Steg die Boote zu reinigen. Die Perfektion der Reiseplanung zeigte sich ein letztes Mal, als es just in dem Moment anfing zu regnen, als wir bei Cobie und Klaas in die Autos gestiegen sind.
Natürlich musste noch das Leergut entsorgt und die Bordkasse gepflegt verfuttert werden. Dies geschah, guten Traditionen folgend, im Restaurant „van der Waal“ im Zentrum von Sneek. Passend zum Abschluss des Törns wurde fünfmal das Menue „Sneeker Meer“ – bestehend aus den Gängen Hühnersuppe, Schollenfilet und Dessert – bestellt. Dabei ließen wir die Ereignisse unter dem Einsetzen der ersten Anzeichen von Seemannsgarn nochmals Revue passieren. Gegen 15 Uhr war damit der letzte offizielle Teil der Reise abgeschlossen und wir zerstreuten uns wieder in die Himmelsrichtungen, aus denen wir genau eine Woche zuvor zusammen gekommen sind.
Ach ja, der Titel … Zu den eingangs erwähnten Traditionen gehört es mittlerweile auch, dass sich auf jedem Törn ein Satz oder ein Statement zu einem „geflügelten Wort“ entwickelt, das diesem Törn getrost als Motto dienen kann. Dieses Jahr war es der Titel dieser Reisebeschreibung. Ansonsten waren wir, die wir diesen Törn erfahren haben, von guter Seemannschaft, der Meinung, sie sei unser steter Begleiter. Was die Manneszucht betrifft, war dies während der Reise eher ein nicht zu erreichendes Ideal! Aber auch Ideale sind es wert, dass sie erwähnt werden.
Dr. Thorsten Brikey
PS: Falls dem einen oder der anderen bei der Beschreibung der kulinarischen Köstlichkeiten das Wasser im Munde zusammengelaufen sein sollte, sei noch erwähnt, dass die angeführten Rezepte auf Anfrage erhältlich sind.