Sommerferien auf "Arcturus"

 

Kennenlernen unseres "neuen" alten Schiffes

Vorgeschichte

Über den "Abschied von Morgaine" habe ich ja ausführlich berichtet. Nach dem Entschluss

begann die Suche. Weniger Tiefgang sollte das neue Schiff haben, leichter zu handhaben

sein und trailerbar bleiben. Im Herbst 1998 habe ich einige Angebote geprüft:

Ein stählernes Gaffelschiff in Holland - nicht trailerbar, aber sehr schön. Als ich

mich schließlich entschlossen hatte, war es weg.

Ein diesel-elektrisches Motorschiff im Hamburg, sehr schön, bequem und leise, aber ...

zu teuer, zu groß, aus Plastik ...

Einen "Orion Kielschwerter" mit formverleimter Sperrholzschale (Sommerfeld-Qualität)

und eingebautem Dieselmotor.

Letzterer gefiel mir von Ausstattung und Auslegung her. Leider lag er in Wyk auf Föhr.

Wie weit entfernt das ist, lernte ich erst kennen, als ich mit der Bahn zur Besichtigung fuhr.

Der Vorbesitzer, ein Schiffsingenieur, verkaufte das Boot, weil er - verständlicherweise -

für seine um Zwillinge bereicherte Familie ein größeres (mit Achterkajüte) gekauft hatte.

Er trennte sich offenkundig schweren Herzens (wie ich von Morgaine ...).

Das Boot war nicht nur in gutem Erhaltungszustand, sondern auch mit sinnvollen Details

durch einen segelnden Ingenieur angereichert: Verstärkter Kiel, verbessertes Ruder,

Petroleum- Ofen, Rollfock usw.

Wir wurden rasch handelseinig.

Vorläufig konnte das Boot in der Halle bleiben, in der ich es angeschaut hatte.

Eigentlich wollte ich es von dort schon im Oktober abholen, rechtzeitig vor der neuen

Saison. Aber daraus wurde nichts. Einerseits war mein Trailer noch mit Morgaine

belegt, auch wenn die inzwischen an einen begeisterten jungen Bootsbauer in Radolfzell

am Bodensee verkauft war. Andererseits lief einfach die Zeit weg. Ich wollte das Boot

nämlich vom Vorbesitzer im Wasser erklärt bekommen, aber das wäre im Spätherbst Unsinn

gewesen: Kranen - Segeln zum Vorführen - Kranen .... abgesehen von der Zeit, die das

gekostet hätte, die ich während des Semesters einfach nicht erübrigen konnte. Also

verabredete ich die Probefahrt für das Frühjahr, "nicht vor Mai" meinte der Verkäufer,

bis dahin sei es in der Nordsee wirklich zu rau. Und dann sollte das Boot auch gleich

im Wasser und im Norden bleiben, dort liegen bis zu unseren nächsten Bootsferien.

Es kam anders: Erst konnte ich im Mai nicht richtig, dann konnte der in Dienste

eingeteilte Schiffsingenieur sich nicht frei nehmen und außerdem passte auch sonst

einiges nicht. Also blieb das Boot zunächst in der Halle. Ein möglicher Termin im Juni

scheiterte an den Segelferien der Vorbesitzerfamilie ... so blieb schließlich nur die

folgende Lösung:

Mitten in der Woche fuhr ich alleine zum fälligen Unterwasseranstrich und zur

Übernahme des Bootes nach Wyk auf Föhr. Den Trailer - er wurde mir am Sonntag vorher

erst vom Bodensee zurückgebracht, später als geplant, weil dort alle Pläne durch das

langanhaltende Hochwasser durchkreuzt waren - nahm ich mit bis zu guten Freunden in

Schleswig. Die hatten mir freundlicherweise angeboten, ihn bei ihnen zu parken. Am

nächsten Morgen fuhr ich mit dem Auto auf die Insel. Im Auto war der gesamte

Bootsumzug von der Gummi-Pütz, von der Elke, meine Admiralität, sich nicht trennen

wollte, bis zum persönlichen Bettzeug. (Übrigens hatte ich alle die Plünnen schon auf

der Autobahn zwischen Idstein und Camberg ausladen müssen, um an das Reserverad zu

kommen, weil mir ein Reifen am Zugfahrzeug geplatzt war ... in Wetzlar fand ich Ersatz

nach vielem Telefonieren). Also: Umzug umladen, Unterwasserschiff streichen, Motor vom

Frostschutzmittel befreien, Mast klarieren, Boot aus der Halle ziehen ... viel Arbeit

vor der ersten Nacht im neuen Schiff hoch und trocken vor der Halle im Anblick des

Deiches von Wyk auf Föhr.

Am nächsten Morgen kranen, Mast setzen (vom Hafenkai aus mit optimaler Ausnutzung der

Ebbe im Hafen) und alles reisefertig machen. Mittags dann der große Moment: Erste

Ausfahrt und Segel setzen vor der Sandbank mit den Seehunden. Schönes Gefühl, ein

wirklich seetüchtiges Schiff mit offensichtlich guten Segeleigenschaften kennen zu

lernen. (Der Vorbesitzer meinte: Wenn mein Vater mit seinem Schiff bei Regatten dabei

war, wurde ich zweiter, sonst erster. Im Boot sieht man zwei erste, zwei zweite Preise

von Regatten in der nordfriesischen Inselwelt.)

Nach dem gelungenen Probetörn Anlegen im Hafen und eiliges Zusammenpacken, damit ich

die Abendfähre noch erreichte, denn ich musste, das hatte ich ein halbes Jahr zuvor

zugesagt, zu einer Familienfeier in der Nähe von Hannover.

Die war sehr gelungen und außerdem konnte ich von dort die erste Crew mitnehmen:

Meinen jüngsten Sohn Hannes nämlich, der mit mir zusammen den Törn von der Insel zum

Festland machen wollte, weil meine Frau nicht in den Watten, in der Nordsee, sondern

in der Ostsee Urlaub machen wollte. Wieder in den Norden, auch mein Auto in Schleswig

gelassen und am nächsten Morgen, einem Montag, von den Freunden zur Fähre nach

Dagebüll gebracht. Sobald wie möglich (am Nachmittag) schipperten Johannes und ich

nach Amrum: Herrliches Wetter, schönes Segeln, allerdings in Amrum schon fast Ebbe, so

dass wir nicht mehr ganz in die Box reinkamen und im Schlick etwas warten mussten, bis

wir wieder aufschwammen.

Eigentlich wollten wir von Amrum weiter über die Nordsee in die Eider, um über den

Nord-Ostsee-Kanal zur anderen Seite von Schleswig-Holstein zu kommen. Aber dann kam

Sturmwarnung. So sind wir zurück nach Wyk gesegelt, wo es einen viel geschützteren

Hafen als Wittdün auf Amrum gibt. Dort haben wir den kräftigen Hack abgewartet, bevor

wir nach sorgfältigem Studium der Seewetterberichte und mittelfristigen Prognosen die

Überfahrt über die freie Nordsee am Donnerstag gewagt haben. Wir mussten wegen der Tide

allerdings vor Sonnenaufgang - und der ist im Norden viel früher! - losschippern, um

rechtzeitig mit auflaufendem Wasser an der Eidermündung zu sein. Die Fahrt war

wunderschön: Am Wrack der Pallas vorbei (von der man wenig sah, nur die Arbeitsbühne

auf künstlicher Insel sehr deutlich), entlang der Kette der Halligen, vorbei an St.

Peter Ording auf der Halbinsel Eiderstedt, schließlich planmäßig über die kritische

Barre vor der Eidermündung. Die Ratschläge vom Vorbesitzer und erfahrenen

Nordseesegler haben sich bewährt: Wir sahen zwar Brandung vor der Barre, kamen aber

auf unserem Kurs vom Norden problemlos in die Fahrrinne der Außeneider. Das

eindrucksvolle Eidersperrwerk passierten wir in der Schleuse, weil die Eider "gespült"

wurde. Die Weiterfahrt durch die sogenannte Gezeiteneider zur schönen alten Hafenstadt

Tönning war bei nachlassendem Wind ruhig, entspannend und genussvoll: Die Natur

traumschön mit jungen Seehunden (sog. Heulern) und ihren Eltern, Watvögeln usw. auf

den trockengefallenen Watten, schön beleuchtet am späten Nachmittag.

Geschafft! Gutes Essen und viel Schlaf! Erholung am nächsten Tag bei einem kleinen

Trip nach Friedrichstadt, der idyllischen Holländersiedlung. Dort am späten Freitag-

Nachmittag Crew-Wechsel: Hannes hat abgemustert, Elke, meine Frau, angeheuert. Hannes

nahm Elkes Wagen mit nach Hause. Der Überführungstörn durch die Nordsee war gelungen:

Die eigentlichen Ferien konnten beginnen!

Elke hatte die letzten Nächte kaum geschlafen und war auch von der langen Autofahrt

geschafft. Am nächsten Morgen war es Mittag, bis sie ausgeschlafen hatte. Da war es zu

spät zur Weiterfahrt, weil wegen der Eiderspülung um 12 Uhr zum letzten Mal vom Hafen

in die Gezeiteneider geschleust wurde. (Der Hafen ist nur durch eine Schleuse zu

erreichen, hat immer gleichen Wasserstand). Also blieben wir am Wochenende in

Friedrichstadt und haben das sehr genossen: Ein schöner Ferienbeginn mit langen

Spaziergängen, Besichtigungen, Museumsbesuch, Pfarr-Kräutergarten, Essen im "Salon"

des Holländerhauses, Straßenerkundigungen und Anpassungen im Boot: Ein Elektrokocher

übernahm die Rolle des rußenden Trangia Sturmkochers (Spiritus).

Weiterfahrt unter Motor noch ein kurzes Stück Gezeiteneider, dann nach erneuter

Schleuse durch die gewundene Obereider und einen kurzen Durchstich zum

Nord-Ostsee-Kanal. Auf ihm darf man nicht segeln, so tuckerten wir nach Rendsburg.

Dort landeten wir in einem hervorragend ausgestatteten Hafen eines kleinen Segelclubs,

wo wir so gut betreut wurden und uns so wohl fühlten, wie in keinem anderen Hafen auf

der ganzen Reise. Die Hilfsbereitschaft war großartig: Am nächsten Morgen sprang der

Motor nicht an. Sofort wurden wir umhergefahren, beraten, unterstützt. Es lag am

Anlasser. Die benachbarte Werft hat ihn ausgebaut, reparieren lassen und am nächsten

Tag wieder eingebaut. So lernten wir auch Rendsburg ausführlich kennen und mochten die

Stadt recht gerne.

Weitere Etappen waren Kiel Holtenau und Strande. Dort wurden wir von Elkes Schwester

nebst Mann zum Besuch in Eckernförde mit "Borscht" abgeholt (Original-Borscht, wie von

ihnen in Estland kennengelernt).

Und von Strande endlich ging es über die Ostsee nach Bagenkop auf der Insel Langeland,

unserer Eintrittspforte in die dänische Südsee. Leere Häfen, Nachsaison! Herrlich.

Nach dem langen Schlag durch heftige Dünung mit Backstagbrise wieder erholsam kurz

nach Marstal auf der Insel Aerö, nach Žrosköbing - Bilderbuchstadt, Svedborg auf

Fynen: Liegen mitten in der Stadt und so weiter. Wundervolles Segeln, gelegentlich

etwas kritisches Navigieren, besonders, wenn der Skipper sich nicht klar ausdrückt:

"Schwert rein, bitte" (wenn das Schwert ganz draußen ist), war für mich, den Skipper,

eindeutig: nötige Vorsicht, weil ich abgekürzt hatte über eine flache Stelle zwischen

zwei Sänden außerhalb des Fahrwassers. Kurz drauf knirschte es: Das Schwert war "drin"

- im Wasser nämlich. Nun wurde es aufgeholt ...

Am Ende ging es wieder von Marstal (Aerö) zurück ans Festland nach Maasholm in der

Schlei. Das war harte Arbeit: Mit zwei Reffs voll gegenan bei kräftiger Dünung und

nachlassendem Wind mit langen Schlägen von je zwei Stunden ... Die letzten vier Meilen

mit Motorunterstützung, weil es sonst zu spät geworden wäre.

Der Abschluss der Reise auf der Schlei war wunderschön, nur leider fast windstill. So

mussten wir nach mehreren vergeblichen Versuchen schließlich bis Schleswig motoren.

Dabei gab es am letzten Tag übrigens eine weitere Havarie: Beim Ablegen morgens ließ

sich plötzlich der Rückwärtsgang nicht mehr rausnehmen. Wir waren Schiff und Untiefen

schon bedrohlich nahe, ganz zu schweigen von den anderen Schiffen, auf die der Wind

uns zu treiben drohte. Motor aus, Anker geworfen, hält ... Was war? Eine Mutter am

Bodenzug zur Schaltung hatte sich gelöst ... kleine Ursache, große Wirkung. So lernt

man langsam sein Schiff kennen ....

In Schleswigs Stadthafen, direkt gegenüber dem Dom lagen wir am letzten Abend, kranten

am nächsten Morgen, bauten mit Unterstützung der gesamten Familie unserer Freunde und

des rührend geduldigen Hafenmeisters (Kranführer Wenzel sei herzlich gedankt!) den

Trailer um - von Morgaine auf Arcturus - und fuhren nach einem schönen letzten Abend

bei den Freunden in Etappen (Übernachtung in der Scheune beim Haus der Großmutter auf

dem Lande in Ohlendorf bei Hannover) heim mit "Arcturus" im Schlepp.

Fazit: Schöne Ferien auf gutem Schiff, Abschied von Morgaine war eine richtige

Entscheidung - selbst mein ältester Sohn Philipp bestätigte dies nach kritischer

Besichtigung!

Da ich im Rest vom September (die geschilderte Reise hatte vom 4. August bis zum 4.

September gedauert) praktisch laufend unterwegs sein musste, brachte ich das Schiff

gleich zum Nachbarn auf den Hof. Der Zeltunterstand von Morgaine musste nur leicht

angepasst werden. Dort wartet "Arcturus" jetzt auf liebevolle Pflege vor der nächsten

Saison und ich habe versprochen, dieses Mal zum Ansegeln im Wasser zu sein!

Wolfgang Giere