Drei Mann in einem Boot
Den Rhein hinunter fahren, bis ans Meer, das war Richards Idee, und bald hatte er auch zwei Mitsegler gefunden: Helmut und Wolfgang. Im August nach dem Familienurlaub, also als Kontrastprogramm, sollte der Törn starten. Das Schiff „Sylvia“, eine Sprinta DS mit 7 m Länge und 4 Kojen, war dann für 14 Tage unser „geräumiges“ Domizil. Ob uns der 6 PS-Außenborder an die Osterschelde oder ins Ijsselmeer bringen sollte, das stand noch nicht ganz fest, als wir am 15.08.2005 um 10 Uhr bei regnerisch kühlem Wetter ablegten.
1. Tag:
Tagesziel war erst einmal Koblenz. Auf der Gebirgsstrecke am Mittelrhein galt es gut nach den Fahrwassertonnen Ausschau zu halten, denn die Fahrrinne ist laut Rheinhandbuch an vielen Stellen steil abfallend aus dem Fels gesprengt. Interessant war die Regelung der Schiffsbegegnungen an den engen Kurven von der Loreley, denn bei zwei Schubverbänden mit 200 Metern Länge wird es eng. Da muss der Bergfahrer halt warten und sich eine Weile die Loreley anschauen. Wir haben von dem besagten Frauenzimmer nichts gesehen und kamen unbeschadet im Koblenzer Rheinlachehafen beim dortigen Yachtclub an. Neu installierte Sanitäranlagen ließen uns das nasskalte Wetter des Tages schnell vergessen. Mit wohlschmeckenden original Koblenzer Bratkartoffeln klang der Tag aus.
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2.Tag:
Bei aufklarendem Wetter führte uns der Flussverlauf durchs Siebengebirge an Linz und Bonn vorbei nach Köln. Dort strömten von allen Seiten Pilgerscharen mit bunten Fahnen zum Papstbesuch. Auf dem Strom übte die WaPo Geleitzug fahren. In Hitdorf, Stromkilometer 707, legten wir beim MYC Hilden an. Nicht gerade die erste Adresse, aber ein eifriges Clubmitglied hatte uns umgehend eingewinkt. Hier übernachtete noch Carsten Handel bei uns, der mit seinem Motorrad auf dem Weg nach Schottland war. Damit waren die Kapazitäten der „Sylvia“ voll ausgereizt. Da das Schiff auch über eine eigene Kochgelegenheit verfügt, beschlossen wir uns von den Bordvorräten zu ernähren. Aus Sicherheitsgründen erfolgte die Kochaktion jedoch auf dem Steg. Der Spirituskocher „Garibaldi“ spuckte nämlich auch gelegentlich unkontrolliert Feuer, um dann wiederum auf einer Flamme gänzlich zu versagen. Das Ergebnis fiel dementsprechend aus, und Carsten musste die lauwarmen Reste verzehren. Anschließend durfte er noch das Schnarchkonzert ertragen, das trotz Richards Schnarchtropfen voll einsetzte.
3.Tag:
Der Schiffsverkehr nahm zu. Zwischen Erzfrachtern, Koksschubern, Fähren und Passagierdampfern, die ständig das Fahrwasser wechselten, brummten wir unermüdlich am Rande der Fahrrinne entlang bis nach Wesel. Bei Stromkilometer 817 liegt der YC Wesel, wo wir freundliche Aufnahme fanden.
4.Tag.:
Wir ließen Emmerich und die Grenze hinter uns. So langsam musste entschieden werden, wo es hingehen sollte. Zur Wahl standen der Waal oder die Ijssel. Am Abzweig zum Pannerdens-Kanaal waren die Würfel gefallen: es ging zum Ijsselmeer. Auf der Ijssel wurden Schiffsbegegnungen zum Nervenkitzel. Bergfahrer mit Steuerbordbegegnungstafeln von vorn, Talfahrer und Motorboot von Achtern, stehende Wellen und Kribben am Ufer verlangten volle Konzentration vom Rudergänger. Dabei ist der Fluss nicht viel breiter als der Bleiaubach an der Rheinmündung, nur tiefer ist er: das Echolot zeigte meist 4-5 Meter an.
In einem der zahlreichen Baggerseen, dem Giese Plas Rhederlag, legten wir beim WV de Giesbeek an und konnten noch ein erfrischendes Bad im klaren See nehmen. Die holländische Speisekarte des Clubs war dank unseres niederländischen Wörterbuchs kein Problem. Nur die Umsetzung in eine erfolgreiche Bestellung dauerte etwas länger.
5.Tag.:
Mast legen oder nicht, das war bei einer Masthöhe von 9,80Metern die Frage – und dann noch der schöne neue Verklicker! Den wollten wir nicht riskieren, und so wurde im Houthaven von Zutphen der Mast gelegt, zu dritt kein Problem. Der Yachthafen „De Ijsselzicht“ bei Veesen, Stromkilometer 963, sollte unser nächster Hafen sein. Ländlich ruhig gelegen, hatte der Ort auch eine schöne alte Windmühle. Hier bekamen wir eine Sondervorführung, wie die Windmühlenflügel bespannt bzw. bei stärkerem Wind gerefft – oder wie es auf holländisch heißt, „gezichtet“ – werden.
6. Tag:
Die Chance, nach 500 Flusskilometern mit Motor das Ketelmar zu erreichen, stand gut. Zuvor musste noch in Kampen der Mast bestellt und Benzin besorgt werden. Mit Hilfe der zuvorkommenden Holländer ging das recht flott. Vielleicht hätten wir doch Station in Kampen machen sollen, denn Ketelhaven am Ende des Tages erwies sich als etwas abgelegen und für den unternehmungslustigen Helmut zu ruhig.
7.Tag:
Dafür konnten wir aber am nächsten Tag, zum ersten Mal unter Segel, gleich aufs Ketelmar hinaus. Bei schönstem Segelwetter mit leichtem Wind aus NW wurde Kurs auf Lelystad abgesetzt. Zwei große Mastenwälder ließen uns den Hafen von weitem erkennen, und bald lagen wir in Houtribhaven fest. Nach kurzer Info durch den Hafenmeister wurde uns klar, dass wir auch hier etwas außerhalb gelandet waren und Lelystad sehr weitläufig und nicht besonders attraktiv zu sein schien. Der Abendspaziergang führte uns aber zu einem höchst interessanten Objekt, der Batavia Werft. Da wollten wir am nächsten Tag noch einmal hin, denn der Nachbau des Ostindienfahrers „Batavia“ aus dem Jahre 1628 versprach tiefere Einblicke in die Seemannschaft der alten Holländer.
8.Tag:
Fahrräder mieten, Proviant besorgen und dann ab zur „Batavia“. Die Werft mit den Werkstätten und Ausstellungen war für uns schon hochinteressant. Der Besuch des imposanten Dreimasters, auf dem man jeden Winkel erkunden durfte, versetzte uns vollends in eine andere Welt. Das war Segelgeschichte zum Anfassen. Auf Land lag noch ein weiterer Nachbau, „De 7 Provincicu“, auf Kiel. Die Dimensionen des Gerippes dieser hölzernen Festung waren ebenfalls beeindruckend und vermittelten anschaulich die Schiffbautechnik früherer Jahrhunderte. Ein Fahrradausflug auf dem Deich entlang des Markermeers rundete diesen erlebnisreichen Tag ab.
9.Tag:
Die Schleuse ins Markermeer hatten wir schon am Vorabend in Augenschein genommen. Der geringe Wasserstandsunterschied war schnell überwunden, und so ging es bei leichtem Wind und Vollzug nochmals an der majestätischen „Batavia“ vorbei hinaus aufs Markermeer Richtung Edam. Gegen Mittag briste es auf. Bei Windstärke 5 konnten wir die guten Segeleigenschaften unserer Sprinta kennenlernen. Regenschauer ließen das Wetter unsichtig werden, und nun war gute Navigation gefragt. Die ergab jedoch nach Logstand, Kurs und Karte, dass wir uns auf dem Marktplatz von Volendam befanden, der anscheinend voll unter Wasser stand. Nun musste Richards neuer GPS in Aktion treten, und siehe da: wir waren noch mitten auf dem Meer und Edam nicht mehr weit. Ein Log sollte halt vorher abgeglichen werden. Die kleine Hafeneinfahrt von Edam war bald gefunden und ein Liegeplatz im überschaubaren Hafen ebenfalls. Der Stadtbummel führte an Kanälen und Grachten vorbei in den alten Stadtkern mit seinen vielfältigen, schönen Giebelhäusern. Hier konnte man bewundern, wie die Holländer mit dem Wasser und am Wasser leben. Als Segler erkannt, kamen wir bei einem Absacker auch schnell mit den Einheimischen ins Gespräch und konnten uns zum wiederholten Male von deren Gastfreundschaft überraschen lassen.
10.Tag:
Auf das beschauliche Edam am Abend folgte noch einmal Edam bei Tag: Käsemarkt, malerische Winkel, buntes Treiben. Nach kurzem Shopping zog es uns zurück zum Schiff, denn wir wollten ja noch mit Ziel Hoorn auslaufen. Bei SW 5-6 raumen Wind war dies ein schneller Ritt von 2 Stunden mit teilweise 7 Knoten Fahrt. Im „Grashaven“ von Hoorn lagen wir dann sicher, denn draußen briste es mit 7 Windstärken auf. Hoorn – da gab dem Kap Hoorn seinen Namen -, da musste man gewesen sein! Von hier wurden die Unternehmungen der Ostindischen Kompanie geplant und gesteuert. Die zahlreichen alten, geschichtsträchtigen Gebäude, Lagerhäuser, Kontore und Stadtbefestigungen ließen die einstige Bedeutung dieser Handelsstadt deutlich werden. Im Außenhafen schaukelten die großen Plattboden und Bolter mit Junggruppen an Bord an der Pier, denn es stand ein starker Schwell von draußen an. Regenschauer trieben uns an Bord, und in der kleinen Kajüte machten wir es uns bei Schweppes und Jamaika-Rum gemütlich.
11.Tag:
Beim ausgiebigen Frühstück, das regelmäßig von Richard zelebriert wurde, begrüßte uns überraschenderweise der Clubkamerad Arnold Riel mit Frau, die auch auf eigenem Kick mit der „Marie Galante“ zum Ijsselmeer unterwegs waren. Er brachte uns die neuesten Wetternachrichten, und so hieß es für die Überfahrt nach Enkhuizen ein Reff ins Groß einbinden und die Sturmfock anschlagen. Draußen standen kurze, hohe Wellen, die wir bei raumen bis achterlichen Wind SW 5 gut abreiten konnten. In Enkhuizen erwarteten uns wieder Clubkameraden, Irina und Hans Reuter mit ihrer Shark „(hai)-life“, die wir trotz schwieriger Handy-Kontakte im Buithaven aufspürten. Mit Windbeuteln, Cookies und Tee bereiteten sie uns einen tollen Empfang. Der gemeinsame Abend endete im Dromedarius, einer urigen Turmkneipe am alten Hafen, wo wir das einsetzende Gewitter mit strömendem Regen bei etlichen Bieren abwetterten. Himbeergeist an Bord beschloss den Tag.
12.Tag:
Nachdem Irina und Hans verabschiedet waren – sie hatten gut gerefft – verholten wir uns in den Kompanie-Haven, weil dort eine Kranmöglichkeit bestand. Mit dem Legen des Mastes vertrieben wir uns den Nachmittag an Bord, denn bald sollte unser Segelkamerad Winfried Eider mit Trailer und Helmuts rotem Mercedes erscheinen. Am nächsten Tag mussten wir nämlich wieder nach Hause. Winfried meldete sich auch bald über Handy. Doch er fand uns nicht und verbiesterte sich mehrmals in den engen Gassen von „Enkhuizen“. Schließlich pilgerten wir zum Treffpunkt Bahnhof und versuchten gemeinsam den Kompanie-Haven zu erreichen. Das endete aber wieder erfolglos auf einem Parkplatz, wo wir den Hänger abstellten. Enkhuizen war wirklich eng. Auf dem Schiff wurde es dann auch wieder eng, denn Winfried, der freundlicherweise ein Wochenende für uns geopfert hatte, schlief mit an Bord. Am nächsten Tag, nach problemlosem Kranen, fanden wir dann doch auf Anhieb den richtigen Weg aus der Stadt, und nach 7 Stunden zügiger Fahrt war das Clubgelände des SCM erreicht. Beim gemeinsamen Abendessen im Kostheimer „Engel“ konnten sich die 3 aus einem Boot und ihr Spediteur zum wiederholten Male auf bekannte Weise versichern, dass sie sich auch weiter gut vertragen wollten.
Richard Moers